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Form hat weiter der Farbe zu gehorchen


Mit Raimer Jochims startete das Deinster Art Studio vor 15 Jahren und hat ihn jetzt wieder zu Gast

Deinste (q).Vom großen Gruppenevent „Nordische Kunst an der Unterelbe“ unter dem Motto „A Whiter Shade of Pale“ (sinngemäß „weißer als bleich“) umzingelt, bekennt sich der Deinster Galerist Gerd Meier-Linnert einmal mehr zu einem Frankfurter Künstler, dem die Farbe alles ist: Noch bis zum 9. Juli zeigt er Arbeiten von Raimer Jochims. Ein Abstecher ins Art Studio 1 am Schafsteich lohnt sich allemal.
Die jetzige Ausstellung ist die fünfte, mit der Meier-Linnert dem Philosophen, früheren Professor für freie Malerei und Kunsttheorie an der Städelschule Frankfurt und wegbereitenden Künstler allein seinen weißen Galerieraum widmet. Mit dem inzwischen 70-jährigen Jochims hatte er das Art Studio 1 vor 15 Jahren eröffnet. „Farbe zur Form bringen, das ist mein Anliegen“, hatte der Künstler damals im TAGEBLATT-Gespräch erklärt. Und: Sie sei wie das Wasser, „das sich in alle Kanäle zwingen lässt, aber sich nur ganz entfaltet, wenn es nach seinem Rhythmus fließen kann.“
Nach wie vor ordnet er die Form der Farbe, die nach seinen Worten keinesfalls rechteckig ist, unter. Wie vor 15 Jahren haben seine Arbeiten nicht Rahmen und Ecken, sind auch nicht rund oder oval, formen sich vielmehr so, wie die Farben es dem Künstler eingeben. Nach wie vor arbeitet Jochims mit Acrylfarben auf teils gebrochenen, teils geschnittenen Spanplatten.
So gesehen hat sich in seinem Schaffen nichts verändert. Oder doch? Vielleicht sind die Farben und Farbschichten noch tiefgründiger, leuchtender geheimnisvoller geworden. Oder sie sind einfach anders, wie der Himmel und die Natur in stetiger Wandlung die gleichen bleiben und doch jedes Gestern hinter sich lassen.
Um wahrzunehmen, wie intensiv Jochims sich in seinem rauschhaften Umgang mit Farben von den Naturgesetzen antreiben lässt, ist auch die von ihm in Deinste genauestens festgelegte Hängung zu beachten: Lichtleichte Farbspiele und Farbverläufe folgen dem Sog nach oben, optische Schwergewichte hängen wie im Fallen gestoppt dem Boden nahe.
Wer die Titel der Arbeiten liest, erfährt kaum Konkretes über deren Inhalte, mag aber Rückschlüsse auf den Künstler herleiten: „Föhr“ und „Dithmarschen“ zeigt die anhaltende Verbundenheit des gebürtigen Kielers mit der norddeutschen Landschaft an; „Kamakura“ oder „Padmapani“ seine Begeisterung für Mythos, Mystik und alles, was schön klingt. Das alles schwingt ja auch schwelgerisch in seiner Kunst mit.
Das Art Studio ist mittwochs bis sonnabends von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Web-Tipp: http://www.artstudio1.de/.

Artikel erschienen am: 09.06.2005

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